Tessiner Skifahrerin Lara Gut-Behrami beendet ihre Karriere

Eine Karriere voller Herausforderungen und Erfolge
Lara Gut-Behrami, eine der erfolgreichsten Athletinnen im Schweizer Skirennsport, hat ihre Karriere beendet. Ihre Laufbahn war geprägt von aussergewöhnlichen Leistungen und persönlichen Entwicklungen, die sie unter erschwerten Bedingungen durchlief.
Bereits im Herbst 2008, im Alter von 17 Jahren, trainierte Lara Gut in Südtirol, begleitet von ihrem Vater Pauli, der sie filmte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits zwei Top-10-Platzierungen im Weltcup und den Gesamtsieg im Europacup erreicht. Ihr Vater gründete ein Privatteam, um ihre individuelle Förderung zu gewährleisten, da er der Meinung war, dass dies der beste Weg sei, ihr Potenzial auszuschöpfen. Er engagierte Mauro Pini als zweiten Trainer, der die Bedeutung individueller Trainingsmethoden betonte, einschliesslich vieler Fahrten ohne Zeitmessung.
Die Beziehung zu den Medien war für Lara Gut-Behrami während ihrer gesamten Karriere zwiespältig. Sie empfand die Pflichtübungen vor Mikrofonen oft als belastend. Ein prägendes Erlebnis war die Weltmeisterschaft in Val-d’Isère, wo sie als Medaillenkandidatin antrat. Die Art und Weise, wie sie dort von den Medien vereinnahmt wurde, beschrieb sie später als traumatisches Urerlebnis. In einem Interview im Jahr 2016 äusserte sie, dass die Zeit bis zu ihrem 22. Lebensjahr für sie wie ein schwarzes Loch gewesen sei, da vieles sehr verletzend war und sie zeitweise den Spass am Sport verlor.
Die Entwicklung einer Persönlichkeit
Trotz der Herausforderungen zeigte sich Lara Gut-Behrami in späteren Gesprächen als reflektierte Interviewpartnerin. Sie konnte die Mechanismen des Skizirkus und des Spitzensports detailliert erklären und sprach offen über die ermüdende Jagd nach Perfektion. Ihr damaliger Cheftrainer Hugues Ansermoz beschrieb ihre Fähigkeit, die Ski im idealen Sekundenbruchteil aufzukanten und eine radikale Linie zu fahren, als „Ski-Intelligenz“. Diese Fähigkeit erforderte unzählige Wiederholungen im Training, was für sie jedoch auch eine Faszination darstellte. Sie beschrieb das Tüfteln und das tägliche Bestreben, besser zu werden, als Leidenschaft, die sie auch abseits der Piste beschäftigte.
Der Rennsport bedeutete für sie auch ein hartes Tagesgeschäft mit endlosen Autofahrten, vorgegebenen Abläufen und strengen Reglementierungen. Nach einem schweren Sturz im Jahr 2017 in Cortina d’Ampezzo, bei dem ihr rechter Oberschenkel stark verletzt wurde, gewann sie kurz darauf WM-Bronze im Super-G in St. Moritz. Wenige Tage später erlitt sie eine Kreuzbandverletzung. Sie empfand dies als eine Notbremse ihres Körpers und sah es als Gelegenheit, die dringend benötigte Zeit für sich zu finden.
Lara Gut-Behrami ist eine der erfolgreichsten Schweizer Skirennläuferinnen mit 48 Siegen im Gesamtweltcup, zwei grossen und sieben kleinen Kristallkugeln sowie Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Im Laufe ihrer Karriere reduzierte sie ihre öffentlichen Auftritte und zog sich weitgehend aus den sozialen Netzwerken zurück, um sich auf das Wesentliche, das Skifahren, zu konzentrieren.
Ein Abschied mit Dankbarkeit
Im Dezember 2020 sprach Lara Gut-Behrami über die Schwierigkeit, im Sport als reife Frau akzeptiert zu werden, und kritisierte die Verwendung von Begriffen wie „Girls“ oder „Meitli“ für erwachsene Athletinnen. Sie betonte, dass sie sich als normaler Mensch und nicht als Ikone sehe.
Ihre Kollegin Anna Veith drückte in einem emotionalen Brief ihre Dankbarkeit aus, mit Lara Gut-Behrami Rennen gefahren zu sein. Veith hob Lara Gut-Behramis erfrischende Art, ihren jugendlichen Leichtsinn und ihre Authentizität hervor. Sie erinnerten sich an gemeinsame Momente auf und abseits der Piste, wie Shopping in Aspen oder spontane Cabriofahrten zum Strand. Veith betonte, dass Lara Gut-Behrami den Skisport mit ihrer einzigartigen Persönlichkeit geprägt und viele inspiriert habe, nicht nur Zuschauer, sondern auch Kolleginnen und Konkurrentinnen. Anna Veith wünschte Lara Gut-Behrami für ihren neuen Lebensabschnitt dieselbe Unbeschwertheit, Neugier und Zuversicht, mit der sie ihre Karriere begonnen hatte.
Die Tessinerin zählt zu den besten Schweizer Sportlerinnen überhaupt und nimmt einen Spitzenplatz in den Rankings ein. Ihre Karriere war von Höhen und Tiefen geprägt, aber auch von einer stetigen Entwicklung und dem Bestreben, ihren eigenen Weg zu gehen.

Lara Gut-Behrami hat sich als eine Athletin etabliert, die stets aus der Masse herausstach und den Schweizer Skisport massgeblich mitgestaltete.

Source: nzz.ch